Die Spirale der Gewalt

Kinder und Frauen vor Gewalt schützen ist das zentrale Thema von „simple-help“ denn: Wer nicht über das „Thema“ informiert und aufgeklärt ist, wer nicht motiviert und ermutigt ist, sich helfen zu lassen oder helfen zu können und nicht weiß, wo ich mich als Person beraten lassen kann, holt sich keine Hilfe.

Die Dunkelziffer ist hoch, auch deshalb so hoch, weil es in Österreich bisher keine geförderte Gewaltprävention und in unserer Gesellschaft auch eine Kultur des Wegschauens gibt. 

Deshalb möchten wir mit „simple-help“ informieren und aufklären sowie motivieren und ermutigen und dich für dieses wichtige Thema sensibilisieren.

Zentral bei diesem Thema sind dabei immer wieder Fragen wie 

  • „Warum verlassen Frauen den Mann nicht?“
  • „Warum bleiben sie und lassen sich schlagen und demütigen?“
  • „Warum machen so wenige Anzeigen bei der Polizei?“

Die Gründe zu Gewalt-Fragen von weiblichen und – wenn auch wenigen – männlichen Opfern sind vielfältig. 

Über das erste Thema „Die Gewaltspirale“, erzähle ich dir jetzt und ich versuche zu erklären, was die Gewaltspirale überhaupt ist und warum dadurch viele Frauen, Opfer bleiben! 


Die Forschung unterscheidet zwei Grundmuster von Gewalt gegen Frauen: 

Da ist einmal die situative Gewalt diese tritt punktuell auf, wird oft wechselseitig ausgeübt und diese Gewalt ist zu 55% männlich und zu 45% weiblich; allerdings ist die männliche Gewalt immer schwerer und diese situative Gewalt beschreibt somit ein Muster von gewalttätigem Verhalten in eskalierenden Konfliktsituationen.

Die systematische Gewalt – und von der spreche ich heute – ist wiederkehrend und ist zu rund 85% männlich und zu etwa 15% weiblich und hat schwerwiegende psychische und körperliche Folgen für Kinder und Frauen.

Ein besonderer Hinweis dazu:

Ein sehr starker Risikofaktor für Frauen Opfer von Gewalt zu werden liegt dann vor, wenn sie in der eigenen Kindheit Formen von körperlicher, sexueller oder psychischer Gewalt ausgesetzt waren. 

Sogar wer als Kind „nurmit ansehen musste, wie die Mutter beispielsweise vom Vater geschlagen wird, ist einer steigenden Gefahr ausgesetzt, als erwachsene Frau selbst Opfer von Gewalt zu werden.


Gewalt gegen Frauen ist kein Kavaliersdelikt!

Wenn ich von Gewalt gegen Frauen spreche, meine ich damit im Sprachgebrauch die häusliche, die familiäre, die intime oder auch den Begriff Partnergewalt und diese Gewalt ist absolut kein Kavaliersdelikt und für mich als Mann – an wem und von wem auch immer begangen – durch nichts zu rechtfertigen, zu akzeptieren und zu tolerieren. 

Diese Gewalt ist auch nicht das Schicksal einzelner Frauen, sondern es passiert täglich mitten unter uns. Deshalb braucht es dich und mich, noch besser wäre uns, denn dieser Gewalt können wir nur gemeinsam begegnen.

Doch nicht nur die Häufigkeit, mit der Gewalt gegen Frauen vorkommt, wird unterschätzt, sondern auch der vermeintlich betroffene Personenkreis ist ein Mythos. Die gesellschaftliche Annahme, diese Gewalt käme nur in bestimmten sozialen Schichten vor, ist von Untersuchungen widerlegt worden. 

De facto lässt sich weder ein Bildungs- noch ein Zusammenhang mit der sozialen Schicht feststellen; das heißt, in vielen Haushalten wird Gewalt gegen Frauen ausgeübt, lediglich die Motivation für die gewaltsamen Übergriffe unterliegt unterschiedlichen Beweggründen. 

Gleichzeitig – und ich hoffe, du und ich sind uns da einig – liegt der Mantel des Schweigens über diesem Gewalt-Thema. Sich schämen, sich selbst die (Mit-)Schuld geben, die erzeugte Isolation aushalten, Hilflosigkeit und Ohnmacht erleben, keine Hilfe im sozialen Umfeld zu erhalten und das Nichtwissen über die Systematik, mit der Männer gewalttätig sind, sind wichtige Ursachen dafür.


Gewalt gegen Frauen ist ein komplexes System … 

… von Gewalt und Kontrolle innerhalb einer Beziehung. Dies unterscheidet sie von anderen Formen von Gewalt, wie z. B. der Schlägerei in einem Gasthaus, und erschwert es Frauen extrem, sich aus der Gewaltbeziehung zu lösen.

Die Gewalt erfolgt nicht aus einer spontanen Situation heraus, sondern gehört zu einem System, dem ein ungleiches Machtverhältnis zugrunde liegt. Charakteristisch für diese Gewalt ist daher, dass es nicht bei einer einzelnen Gewalttat bleibt, sondern die gleichen Phasen immer wieder durchlaufen werden, die schließlich in einer neuerlichen Gewalt gipfeln. Die Abstände zwischen den Gewalttaten werden mit der Zeit immer kürzer und deren Intensität nimmt zu; und das bezeichnet man jetzt als Gewaltspirale. 

Da Gewalt gegen Frauen in Beziehungen unterschiedlich auftritt, hat die Psychologin Lenore E. Walker dieses Phänomen untersucht und als „Rad der Gewalt“ bezeichnet und dieses „Rad der Gewalt“ wird auch Gewaltspirale genannt. 

Die Spirale der Gewalt von Leonore Walker

Die Gewaltdynamik verläuft dabei in immer wiederkehrenden Phasen wie in einer Spirale: 

  1. dem Spannungsaufbau, 
  2. dem Gewaltausbruch bzw. der Eskalation, 
  3. der Ruhephase und 
  4. dem Abschieben der Verantwortung auf andere und
  5. beginnt mit einem Spannungsaufbau aufs Neue.

1. Phase – Spannungsaufbau

Um eine Frau in einen ständigen Angstzustand zu versetzen, muss nicht unbedingt Gewalt angewandt werden. Viel mehr baut sich über einen längeren Zeitraum eine sehr belastende Spannung auf. 

Um dem Mann keinen Grund für Auseinandersetzungen und Wutanfälle zu geben, konzentriert sich die Aufmerksamkeit der betroffenen Frau auf diese Person. Die eigenen Bedürfnisse und Ängste werden dabei zurückgestellt und unterdrückt. 

Frauen versuchen dem Täter möglichst alles recht zu machen, um einen Ausbruch der Gewalt (Eskalation) zu verhindern. Kann die Gewalt nicht verhindert werden, entsteht oft eine Übernahme der Verantwortung für den Gewaltausbruch durch die betroffene Frau (z.B. „ich bin ja selbst schuld“), weil Hilflosigkeit und Ohnmacht niemand dauerhaft aushalten kann.

Das verstärkt jetzt der Täter und nutzt diese Verantwortungsübernahme aus und sagt z.B. („du bist ja selbst schuld…“). Doch eines muss für dich, für mich und für uns ganz klar sein: „Die Verantwortung für die Gewalt liegt ausschließlich beim Mann und nicht bei der Frau.

2. Phase – Gewaltausbruch

Was mit Drohungen und Kränkungen begonnen hat, findet jetzt eine Fortsetzung in physischer und psychischer Gewalt, die mit der Zeit immer massiver wird. Der Gewaltausbruch ist zumeist nur eine kurze Phase, kann aber heftig werden.

Mit diesem Gewaltausbruch bringt der Täter seinen Machtanspruch zur Geltung und macht klar, wer das Sagen hat oder er versucht damit, bei ihm vorhandene negative Gefühle, die seine dominante Rolle und Identität bedrohen – abzuwehren und somit eine vermeintliche Schwäche gegenüber der Frau abzuwenden und zu kompensieren. 

Unmittelbar nach diesem Gewaltakt sind viele betroffene Frauen bereit, erste Schritte zu unternehmen, um sich und ihre Kinder zu schützen:

Die beiden Professorinnen Dr.in Cornelia Helfferich und Dr.in Barbara Kavemann beschreiben das 2004 so: „Diese kleinen Schritte haben ein eigenes ‚das erste Mal‘: das erste Mal – vielleicht heimlich – zu einer Anwältin gehen, das erste Mal Widerstand leisten, das erste Mal mit Trennung drohen, das erste Mal sich selbst behaupten, vielleicht auch das erste Mal die Polizei rufen.“

3. Phase – Ruhe- und Reuephase

In der folgenden Ruhephase zeigt der Täter oft Reue: er entschuldigt sich vielleicht und ist liebevoll und zugewandt. 

Ein Täter, der nur zu Hause Gewalt ausübt und sonst kaum ein auffälliges Verhalten zeigt, fühlt sich sogar schlecht nach dem Gewaltausbruch, schämt sich und beschenkt die Frau. Er zeigt jetzt seine guten Seiten, versucht seine Aufrichtigkeit zu beweisen, in dem er z.B. einen Alkoholentzug plant, eine gemeinsame Therapie beginnt; alles nur, um zu verhindern, dass die Beziehung beendet wird. 

Seine Zuwendungen und Liebesbekundungen tragen dazu bei, dass die Beziehung nicht beendet wird und die Hoffnung aufflammt, die Gewalt könne beendet werden und viele Frauen glauben diesen Versprechungen und wollen der Partnerschaft jetzt noch eine weitere Chance geben. 

4. Phase – Abschieben der Verantwortung

Nach der Ruhephase setzt oft ein Prozess der Verantwortungsverschiebung ein. Um die Verantwortung für das gewalttätige Verhalten von sich zu weisen, gibt es verschiedene Strategien des Täters: das kann sein, er verharmlost die Gewalt, er leugnet Gewalt, er schiebt die Schuld für den Vorfall den Frauen zu oder er rechtfertigt seine Gewalt.

Leider beginnen in dieser Phase wieder Demütigungen und kleinere Gewaltvorfälle und die erste Phase – der Spannungsaufbau – beginnt von neuem. Frauen, die diesen Gewaltkreislauf mehrfach erlebt haben, berichten, dass sich die Gewalt verändert und steigert und die Phasen immer kürzer werden.

Das soziale Umfeld, beispielsweise Verwandte, Freundinnen und Freunde, Kolleginnen und Kollegen, aber auch Ärztinnen und Ärzte können dich dabei unterstützen, ein gewaltfreies Leben aufzubauen.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gilt Gewalt gegen Frauen, als eines der weltweit größten Gesundheitsrisiken. Diese Gewalt wirkt sich folgenreich und lang anhaltend auf die körperliche und seelische Gesundheit der betroffenen Frauen aus; das sind Tatsachen, die weh tun! 

Durch die sichtbare physische Gewalt entstehen Verletzungen unterschiedlichster Schweregrade bis hin zu lebensgefährlichen und – wie wir regelmäßig hören und lesen – sogar tödlichen Verletzungen. Die körperlichen Folgen umfassen Hämatome, Verstauchungen, offene Wunden, Knochenbrüche, Gehirnerschütterungen, innere Verletzungen und vieles mehr. 

Die massiven Folgen der psychischen Gewalt allerdings sind unsichtbar. Dazu zählen psychosomatische Reaktionen wie zum Beispiel Herz-Kreislauf-Beschwerden, Magen-Darm-Probleme, Schwindel, Blutdruckschwankungen, Unterleibsschmerzen, Nervosität, Depressionen, Angst- und Essstörungen oder auch Suchterkrankungen. 

Kein fassbares Krankheitsbild, aber in vielen Fällen vorhanden, ist ein bei den von Gewalt betroffenen Frauen vermindertes Selbstwertgefühl. Sie trauen sich immer weniger zu und – wie schon erwähnt – viele Frauen suchen sogar die Schuld für die Gewalt bei sich selbst. 


Wie kannst du Betroffenen helfen?

Wir wollen mit „simple-help“ informieren, motivieren und ermutigen. Versuche Vertrauen aufzubauen, nimm dir Zeit und höre zu, bagatellisiere oder dramatisiere nicht, gebe keine unpassenden Rat-Schläge, erlaube der Frau in ihrer Geschwindigkeit zu erzählen, Frage sie nach ihren Wünschen und sei gleichzeitig achtsam auf die Situation und auch dir persönlich gegenüber.

Deine Schwester, Freundin, Nachbarin oder Kollegin ist vielleicht in einer gefährlichen Situation. Einerseits glaubt sie nicht daran, ihre Lage verändern zu können. Andererseits wird ihr Partner sie bestrafen, wenn er bemerkt, dass sie redet. Er wertet das als Vertrauensbruch. Auch wird er einer Trennung nicht ohne weiteres zustimmen, sondern ihr das Leben zur Hölle machen.

Biete ihr behutsam und kontinuierlich deine Hilfe an. Mach alles, um den Kontakt aufrecht zu erhalten. Zeige ihr, dass du siehst, was läuft, und versuche ihr Mut zu machen. Sei da für sie. Das ist erstmal das Wichtigste! Schon allein dadurch wird ihr Selbstwertgefühl gestärkt.

Dränge nicht zu einer Trennung. Dieser Schritt ist zu groß und schwer. Durchbrich zuerst das Schweigen. Danach kannst du versuchen, ihre soziale Isolierung aufzuheben. Erst wenn sie selbst bereit zur Trennung ist, kannst du ihr ganz konkret dabei helfen.

Mein Appell zum Schluss: 

Sei behutsam gegenüber der Frau, bleibe achtsam und: „Verantwortlich für die Gewalt ist nie die Frau, sondern immer der Mann, der die Gewalt ausübt!“


Abschließend meine Bitte: 

Gewalt schädigt physisch und psychisch Menschen! Stelle dir daher immer die Frage, wie du einer betroffenen Frau und betroffenen Kindern professionell, menschlich, behutsam und lösungsorientiert helfen kannst; wir unterstützen dich gerne dabei!

Wenn du noch Fragen hast oder persönlich – durchaus auch vertraulich – eine Auskunt wünschst, dann schreibe eine eMail an [email protected] und die findest auch meine Telefonnummer auf der Kontakt-Seite.

Günther Ebenschweiger